Bundesweit erste Professorin kam aus Messingen

Themennachmittag am 06.09. 2014

Um über Mathilde Vaerting, die 1923 als erste Frau in Deutschland eine Professur im Bereich der Geisteswissenschaften erhalten hat, mehr zu erfahren, waren zahlreiche Besucher nach Messingen gekommen. Der Heimatverein hatte zu einem Themennachmittag in den Garten der Familie Rohe, die das Vaerting’sche Geburtshaus heute bewohnt, eingeladen.

Über den privaten Lebensweg und ihre vielfältigen wissenschaftlichen Arbeiten informierte Hans-Gerd Jöhring als Mitautor des Buches „Mathilde Vaerting und ihre Familie“. Georg Barkmann, Vorsitzender des Heimatvereins , begrüßte die zahlreichen Gäste aus der Politik, Vereinen sowie Verwandte der Familie Vaerting aus Holland und dem Emsland.

Und Messingens Bürgermeister August Roosmann freute sich über die Anwesenheit der Ehrenlandräte Josef Meiners und Hermann Bröring als Vorsitzender des emsländischen Heimatbundes – dieser dankte Georg Barkmann und Ursula Kottebernds, „die zusätzlichen Schwung in den Heimatverein und in die Koordination dieser Veranstaltung“ gebracht hätten.

Das Kompliment von Hermann Bröring an den Heimatverein Messingen war verbunden mit der Frage, worin die Zukunft der Heimatvereine liege: „Dieses vorzeigbare Projekt braucht Nachahmung. Man muss sich intensiver mit bedeutenden Personen unserer Heimatgeschichte auseinandersetzen. Im Emsland-Jahrbuch werden wir Mathilde Vaerting einen Beitrag widmen.

Ursula Kottebernds freute sich sehr darüber „dass meine Eltern Franz und Maria Kottebernds sowie mein Schwager Hans-Gerd Jöhring dieses Buch geschrieben haben“. Als Mitautor dankte Jöhring zudem der Familie Rohe, „dass wir mit Zollstock und Fotoapparat das ganze Haus vermessen und dokumentieren duften“.

Das Geburtshaus von Mathilde Vaerting , 1832 errichtet, steht in Messingen an der Frerener Straße 11. Den „ungewöhnlichen Lebensweg“ skizzierte Jöhring. Geboren am 10. Januar 1884 in Messingen, war sie das fünfte von zehn Kindern der Eheleute Johann Heinrich Vaerting und Anna Mathilde, geborene Siering, aus Hopsten. „Sie besuchte die Volksschule, erhielt im elterlichen Haus Privatunterricht und war drei Jahre auf einer höheren Mädchenschule in Köln.“

1903 legte sie in Münster ihr Examen ab und erhielt in Düsseldorf eine Anstellung als Lehrerin. Nach der allgemeinen Reifeprüfung 1907 in Wetzlar studierte sie in Bonn, München, Marburg und Gießen bis 1911 Mathematik, Physik, Chemie und Philosophie und promovierte zum Doktor der Philosophie. „Eine beachtliche Leistung, denn in Preußen erhielten Frauen erst 1908 Zugang zum akademischen Studium“, erklärte Jöhring.

Ab 1912 unterrichtete sie in Berlin als Oberlehrerin an einem Oberlyzeum. Zudem widmete sie sich weiter der Wissenschaft und veröffentlichte ihre Forschungsergebnisse. „Jeden Tag klapperte von früh bis spät die Schreibmaschine.“ Manchmal schrieb sie unter einem männlichen Pseudonym, denn „ihre Themen waren aus der Zeit gefallen“. 1923 beruft sie das Thüringische Volksbildungsministerium auf einen Lehrstuhl für Erziehungswissenschaften an der Universität Jena.

Die 39-jährige, nicht habilitierte Wissenschaftlerin, zählt mit Margarete von Wrangel zu den ersten beiden Frauen, die in Deutschland einen Lehrstuhl erhielten. Frauen war es ausdrücklich verboten, sich zu habilitieren. „Die Zeit in Jena stand aber unter einem schlechten Stern. Die Uni wollte sie nicht, sie ist nicht umzugsbereit, beschränkt ihre Vorlesungen auf das Nötigste oder lässt sie ausfallen.“

Innerlich kämpft sie gegen viele Widerstände, setzt sich mit den Machtverhältnissen zwischen Mann und Frau auseinander. Sie zählt laut der Jenaer Universitätsgeschichte zu den „als Sozialisten bekannten Professoren“, derer man sich mithilfe des gleich zu Beginn der NS-Zeit erlassenen „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ entledigte und sie 1933 entlässt.

Nach dem Krieg schafft sie sich mit dem Wiedergutmachungsgeld im Schwarzwald ein neues Zuhause. In Schöneberg lebt sie mit einer Schwester und ihrem Lebensgefährten Edwin Elmerich. „Und das Klappern der Schreibmaschine geht weiter.“ Von 1954 bis 1971 gibt sie die „Zeitschrift für Staatssoziologie“ heraus. Die 72-Jährige verfasst gesellschaftspolitische Aufsätze, gibt Radiointerviews, arbeitet unermüdlich. 1977 stirbt sie und wird in einem Urnengrab auf dem Neuen Friedhof in Lingen beigesetzt. „Bis heute namenlos.“

Ursula Feldmann von der Emsbürener Geschichtswerkstatt schilderte anschließend das Leben und Wirken der Lehrerinnen Ida Schartmann aus Beesten und Anni Bolte aus Listrup: „Ihre tiefreligiösen, katholischen Wurzeln gaben ihnen Kraft, Mut und Rückgrat, sich dem Druck während der NS-Zeit zu widersetzen.“

Mechthild Kümling, Gleichstellungsbeauftragte der Samtgemeinde Freren, skizzierte abschließend die gesellschaftlichen, politischen und ökonomischen Veränderungen für Frauen.

(Johannes Franke, erschienen in der LT am 09.09. 2014)

(Ursula Feldmann, Hans-Gerd Jöhring, Maria Kottebernds und Mechthild Kümling vor dem Vaerting`schen Geburtshaus, Foto: Johannes Franke)

 

Mathilde Vaerting, Messingens außergewöhnliche Tochter

Mathilde Vaerting-erste Professorin Deutschlands für Geisteswissenschaften

Dem aufmerksamen Beobachter, der Messingen im Emsland durchquert, fällt das ansehnliche, sehr gut erhaltene Haus in der Frerener Straße auf.

Im Jahre 1832 wurde es errichtet. Es ist das Geburtshaus von Mathilde Vaerting, die von 1923 bis 1933 an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena  als erste Frau in Deutschland einen Lehrstuhl für Geisteswissenschaften hatte. Noch heute zeugt der solide Bau von dem Wohlstand und der Schaffenskraft seiner einstigen Bewohner, der Familie Vaerting. Anhand vieler Akten ist nachgewiesen, dass sie vom Jahre 1336 bis 1913 in Messingen lebte und hier einen bäuerlichen Hof bewirtschaftete. Mehr als sechs Jahrhunderte lang hat die Familie das örtliche Leben mitgeprägt und durch ihr Wissen und Können bereichert.

Nun zum ungewöhnlichen Lebensweg der Vaertingtochter Maria Johanna Mathilde. Sie wurde am 10. Januar 1884 in Messingen als fünftes von zehn Kindern der Eheleute Johann Heinrich Vaerting und Anna Mathilde, geborene Siering aus Hopsten, geboren. Nach dem Besuch der Volksschule und des Privatunterrichtes im elterlichen Haus, besuchte Mathilde drei Jahre lang eine höhere Mädchenschule in Köln. 1903 legte sie in Münster ihr Lehrerinnenexamen ab und erhielt in Düsseldorf eine Anstellung als Lehrerin.

Während dieser Zeit bereitete sie sich auf die allgemeine Reifeprüfung vor, die sie 1907 in Wetzlar ablegte. Von 1907 bis 1911 studierte sie in Bonn, München, Marburg und Gießen die Fächer Mathematik, Physik, Chemie und Philosophie. Ihre akademische Ausbildung schloss sie an der Universität Bonn mit der Promotion in Philosophie am 1.März 1911 mit der Arbeit über „Otto Willmanns und Benno Erdmanns Apperceptionsbegriff im Vergleich zu dem von Herbart“ ab. Eine beachtliche Leistung- denn in Preußen erhielten Frauen erst 1908 Zugang zum akademischen Studium.

Von 1912 bis 1923 war Mathilde Vaerting im Berliner Stadtteil Neukölln zu Hause. Sie unterrichtete als Oberlehrerin an der Agnes-Miegel-Schule, einem städtischen Oberlyzeum. Neben dieser praktischen Arbeit widmete sie sich weiter der Wissenschaft. Zwei Titel ihrer wichtigsten Veröffentlichungen lauten: „Die Vernichtung der Intelligenz durch Gedächtnisarbeit“ und „ Neue Wege im mathematischen Unterricht“. Die Studie „Neubegründung der Psychologie von Mann und Weib“ gab sie 1921 herraus.

Am 1. Oktober 1923 wurde sie vom Thüringer Volksbildungsministerium auf den Lehrstuhl für Erziehungswissenschaften an der Universität in Jena berufen.

Gemeinsam mit Mathilde von Wrangel, die eine Professur für Botanik  in Hohenheim erhielt, gehörte sie zu den ersten beiden Frauen, die in Deutschland einen Lehrstuhl erhielten.

Nachdem sie im Jahre 1933 aus ihrem Amt „gegangen“ wurde, lebte sie in Berlin, Wilmersdorf. Die „Jenaer Universitätsgeschichte von 1983“ zählte Mathilde Vaerting zu den „als Sozialisten bekannten Professoren“, derer man sich mit Hilfe des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7. April 1933 entledigte.

Nach dem Krieg siedelte sie gemeinsam mit Dr. Karl Schmeing, der gebürtig aus Plantlünne stammt, nach Göttingen und dann nach Darmstadt über. Hier stirbt Karl Schmeing. Seit Ende der 50er Jahre lebte sie mit ihrer Schwester Maria Luise und ihrem Lebensgefährten Dr. Edwin Elmerich in Schönenberg im Schwarzwald. Von 1954 bis 1971 gab sie die „Zeitschrift für Staatssoziologie“ heraus. Im Alter von 94 Jahren starb Mathilde Vaerting am 06.05. 1977 in Schönau. Sie beschloss ihren Lebenskreis, indem sie ihre Urne auf dem Neuen Friedhof in Lingen beisetzten ließ.

(Maria Kottebernds)

 

( „Mathilde Vaerting- aus der Zeit gefallen“, gemalt von Karin Heskamp  anlässlich der Buchvorstellung „Mathilde Vaerting und ihre Familie“ von Maria und Franz Kottebernds und Hans-Gerd Jöhring am 06.09. 2014 im Garten des ehemaligen Vaertinghauses.)