Mathilde Vaerting, Messingens außergewöhnliche Tochter

Mathilde Vaerting-erste Professorin Deutschlands für Geisteswissenschaften

Dem aufmerksamen Beobachter, der Messingen im Emsland durchquert, fällt das ansehnliche, sehr gut erhaltene Haus in der Frerener Straße auf.

Im Jahre 1832 wurde es errichtet. Es ist das Geburtshaus von Mathilde Vaerting, die von 1923 bis 1933 an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena  als erste Frau in Deutschland einen Lehrstuhl für Geisteswissenschaften hatte. Noch heute zeugt der solide Bau von dem Wohlstand und der Schaffenskraft seiner einstigen Bewohner, der Familie Vaerting. Anhand vieler Akten ist nachgewiesen, dass sie vom Jahre 1336 bis 1913 in Messingen lebte und hier einen bäuerlichen Hof bewirtschaftete. Mehr als sechs Jahrhunderte lang hat die Familie das örtliche Leben mitgeprägt und durch ihr Wissen und Können bereichert.

Nun zum ungewöhnlichen Lebensweg der Vaertingtochter Maria Johanna Mathilde. Sie wurde am 10. Januar 1884 in Messingen als fünftes von zehn Kindern der Eheleute Johann Heinrich Vaerting und Anna Mathilde, geborene Siering aus Hopsten, geboren. Nach dem Besuch der Volksschule und des Privatunterrichtes im elterlichen Haus, besuchte Mathilde drei Jahre lang eine höhere Mädchenschule in Köln. 1903 legte sie in Münster ihr Lehrerinnenexamen ab und erhielt in Düsseldorf eine Anstellung als Lehrerin.

Während dieser Zeit bereitete sie sich auf die allgemeine Reifeprüfung vor, die sie 1907 in Wetzlar ablegte. Von 1907 bis 1911 studierte sie in Bonn, München, Marburg und Gießen die Fächer Mathematik, Physik, Chemie und Philosophie. Ihre akademische Ausbildung schloss sie an der Universität Bonn mit der Promotion in Philosophie am 1.März 1911 mit der Arbeit über „Otto Willmanns und Benno Erdmanns Apperceptionsbegriff im Vergleich zu dem von Herbart“ ab. Eine beachtliche Leistung- denn in Preußen erhielten Frauen erst 1908 Zugang zum akademischen Studium.

Von 1912 bis 1923 war Mathilde Vaerting im Berliner Stadtteil Neukölln zu Hause. Sie unterrichtete als Oberlehrerin an der Agnes-Miegel-Schule, einem städtischen Oberlyzeum. Neben dieser praktischen Arbeit widmete sie sich weiter der Wissenschaft. Zwei Titel ihrer wichtigsten Veröffentlichungen lauten: „Die Vernichtung der Intelligenz durch Gedächtnisarbeit“ und „ Neue Wege im mathematischen Unterricht“. Die Studie „Neubegründung der Psychologie von Mann und Weib“ gab sie 1921 herraus.

Am 1. Oktober 1923 wurde sie vom Thüringer Volksbildungsministerium auf den Lehrstuhl für Erziehungswissenschaften an der Universität in Jena berufen.

Gemeinsam mit Mathilde von Wrangel, die eine Professur für Botanik  in Hohenheim erhielt, gehörte sie zu den ersten beiden Frauen, die in Deutschland einen Lehrstuhl erhielten.

Nachdem sie im Jahre 1933 aus ihrem Amt „gegangen“ wurde, lebte sie in Berlin, Wilmersdorf. Die „Jenaer Universitätsgeschichte von 1983“ zählte Mathilde Vaerting zu den „als Sozialisten bekannten Professoren“, derer man sich mit Hilfe des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7. April 1933 entledigte.

Nach dem Krieg siedelte sie gemeinsam mit Dr. Karl Schmeing, der gebürtig aus Plantlünne stammt, nach Göttingen und dann nach Darmstadt über. Hier stirbt Karl Schmeing. Seit Ende der 50er Jahre lebte sie mit ihrer Schwester Maria Luise und ihrem Lebensgefährten Dr. Edwin Elmerich in Schönenberg im Schwarzwald. Von 1954 bis 1971 gab sie die „Zeitschrift für Staatssoziologie“ heraus. Im Alter von 94 Jahren starb Mathilde Vaerting am 06.05. 1977 in Schönau. Sie beschloss ihren Lebenskreis, indem sie ihre Urne auf dem Neuen Friedhof in Lingen beisetzten ließ.

(Maria Kottebernds)

 

( „Mathilde Vaerting- aus der Zeit gefallen“, gemalt von Karin Heskamp  anlässlich der Buchvorstellung „Mathilde Vaerting und ihre Familie“ von Maria und Franz Kottebernds und Hans-Gerd Jöhring am 06.09. 2014 im Garten des ehemaligen Vaertinghauses.)